Pferde Rhein-Main und Pferde in Bayern

Der Weg zur Seele der Pferde

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26.04.2018     Erzähl' mal..., Leserberichte, Sonderthemen, Sonstiges    , Aloe Vera, , Pferde in Bayern, , Reitsport, Manuel Jorge de Oliveira

Samstag früh, kurz vor neun. Ich bin wieder zum Wochenende der Mini-Escola de equitacao in den Olivieira Stables in Waal, in der Nähe von Landsberg im Allgäu. Im schmalen Gang vom Reiterstüberl zur Halle treffe Isabella Sonntag, die zusammen mit Ihrer Tochter Christina Wunderlich die Oliveira stables leitet. In der Halle formiert sich gerade die Schrittrunde für diesen Vormittag. Teils noch am Boden, einige Reiter sind bereits aufgestiegen, werden die Pferde ruhig und konzentriert gearbeitet und es ist eine angenehme Ruhe zu spüren. Weitere Menschen kommen in die Reithalle, es sind Teilnehmer, die zusammen mit mir eine dreijährige Ausbildung durchlaufen. Insgesamt sind wir acht Frauen im Alger von 15 bis 57 Jahren, einige besitzen ein eigene Reitanlage oder geben bereits Unterricht, andere, so wie ich, haben einfach Interesse, die Art des Reitens nach Manuel Jorge de Oliveira zu lernen.

Was zeichnet diese Lehre aus? Im Vorfeld meiner Ausbildung habe ich mir das Buch "Vertikal 1" gekauft, in der das erste Jahr der Ausbildung in der Escolola beschrieben wird, daneben Bücher von de la Gueriniere, Baucher und Racinet, wobei vor allem die Ausbildungsweise von Baucher wegweisend für die Ausbildungsinhalte bei de Oliveira steht. Baucher ist Ende des 18. Jhr. in Frankreich geboren und forderte in seinen Lehren Lockerungsübungen der Pferde beginnend vom Hals bis zu Hinterhand und das Pferd in eine natürliche Balance unter den Reiter bringen soll. Flexionen, Moblilisation, der Schulschritt, all das findet sich auch in längst vergessenen Büchern von Baucher' Reitlehre. Kernstück ist der Schulschritt, das langsame bewusste Setzen der Hufe als wichtigste Voraussetzung jeder weiteren Ausbildung. In den Reitstunden wird oft nahezu zwei Drittel Schritt geritten. Das klingt langweilig, ist aber genau das Gegenteil, denn das kadenzierte Schreiten bereitet alle anderen Lektionen vor, die über die Seitengänge bis zur Piaffe und Passage reichen. Mittlerweile haben sich die Reiter in der Halle zur Abteilung formiert. Wie auf einer Perlenkette aufgereiht kommen sie auf die Mittellinie, es ist nahezu nur der erste Reiter zu sehen, Ich bin wieder schwer beeindruckt angesichts so viel Disziplin und Korrektheit. Jede Ecke wird bis in den letzten Winkel ausgeritten, ebenso die Hufschlagfiguren, die Pferde in voller Konzentration mit den Ohren auf ihren Reiter.

Abkürzen, Wegeilen, Buckeln, Eckenteufel suchen-Fehlanzeige, die Reiter sind genauso mit ihren Gedanken ihren Pferden. Dass das Ganze später auch im Trab und Galopp geht, erlebe ich bei meinem Besuch der Escola-Gruppe "Sonnenblumen", die bereits im dritten Jahr ihrer Ausbildung stehen. Bei den großen Escola-Gruppen, die sich sechsmal im Jahr während fünf Tagen treffen, ist der Manuel de Oliviera als Lehrmeister selbst anwesend und gibt seinen Schülern Unterricht, die wiederum teilweise die Mini-Escolas wie die Gruppe der "Sternschnuppen" leiten, der ich angehöre. "Wenn wir reiten, sind wir präzise" lautete die Devise und 18! Reiter führen in der Schrittrunde, die später in Seitengänge im Trab und Galopp übergeht, vor, was damit gemeint ist. Außengalopp, Innengalopp, fliegende Wechsel, Travers, Renvers, Zickzack, Schlangenlinien, mir wird fast vom Zuschauen schwindlig, während die Pferde mit einer gekonnten Präzision die Lektionen ausführen. Nach der Schrittrunde erfolgt der Unterricht in der Gruppe zu drei Reitern. Zu Schluss wird jedes Pferd einzeln zum Piaffieren gebracht, hier legt Manuel de Oliveira selbst die Touchierpeitsche an. Mit dabei ist auch ein Warmblüter, der bisher noch nicht mit der Piaffe in Berührung gekommen ist, erste Tritte gelingen hier schon, nicht perfekt, das muss auch nicht sein, die korrekte Piaffe braucht Zeit. Überhaupt ist Zeit ein dehnbarer Begriff in den Oliveira Stables, es dauert eben, solange es dauert, Zeitdruck ausgeschlossen. Mein Beisein bei der großen Escola wird noch mit einem Turnier der Schüler bereichert. Auf einem Viereck 12 m auf 24 m reiten die Schüler korrekte Linien, in allen Gangarten und allen Tempi.  Es ist kalt trotz Decke und Daunenjacke, aber die Teilnehmer und ihre Figuren ziehen uns Zuschauer in ihren Bann-Gänsehautmomente pur. Zurück zur Mini-Escolagruppe, die  trifft sich nach dem Zuschauen bei der Schrittrunde im Stüberl, hier wird über alles gesprochen, unsere Ausbilder, Christina Däubler-Vogelgsang und die Tierärztin Dr. Birgit Schock, informieren uns über die Abläufe und die Arbeitsweise während der zwei Tage Mini-Escola, die sechsmal im Jahr stattfindet. Wir arbeiten zu zweit in der Gruppe, einer am Pferd, der andere als Longen- oder Gertenführer. Mobilisieren, die Flexionen des Halses auszuführen und langsam Tritt für Tritt an der Bande entlang in den Seitengängen zu führen, ist heute unserer Aufgabe. Am ersten Wochenende waren wir mit der Beurteilung des Pferde und der Bodenarbeit beschäftigt, diesmal dürfen wir zum ersten Mal auch auf das Pferd, noch mit Begleitung unserer Partners. An den Schulschritt muss ich mich erst gewöhnen, das bewusste Schreiten des Pferdes so zu spüren, fühlt sich ungewohnt an. Christina und Birgit erklären uns die Flexionen, das Stellen und Biegen des Halses, das vom Boden und vom Pferd aus ausgeführt werden kann. Am Abend beim Stüberl-Treff bekommen wir eine Aufgabe mit auf den Weg, wir sollen uns überlegen, was am heutigen Tage wichtig, beeindruckend und berührend war.

Mit dem Kopf voller Gedanken und Eindrücken schließe ich den Tag ab. Tags drauf nach der Schrittrunde im Stüberl fließen bei mir die ersten Tränen, wenn ich erzähle, dass die Ruhe der Schrittrunde zu erleben, mich sehr berührt hat, den anderen Frauen geht es ähnlich. An diesem Tage reiten wir zum ersten Mal frei ohne Führung, natürlich werden erst Flexionen und die Mobilisation im Kreis vom Boden aus durchgeführt, diese Übungen sind unabdingbar und werden vor jedem Aufsteigen durchgeführt. Ich lasse mich langsam von Espagnol, dem spanischen Rapphengst, einem Schulpferd der Oliveira Stables, in die Geheimnisse der Seitengänge führen, versuche jeden Schritt zu erspüren. Es ist viel, worauf ich achten muss, Zügel nachgeben, gerade sitzen, Schenkel am Gurt, Schulschritt, mir schwirrt der Kopf, doch das langsame bewusste Arbeiten bringt mich wieder ins Gleichgewicht und ich kann zufrieden absteigen. Gleichgewicht, das ist das Stichwort, dahin sollen die Pferde gebracht werden, weg von der Vorhand und weg vom Vorwärts-Abwärts, deshalb sind auch Ausbinder und Hilfszügel bei der Ausbildung verboten, da sie bewirken, dass die Pferde auf die Vorhand fallen und nicht in ihre natürliche Selbsthaltung kommen. Ich nehme Vieles mit nach Hause und versuche zwei Tage später das Gelernte bei Limbo, einem 20 -jährigen Holsteiner Wallach, meiner Reitbeteiligung umzusetzen. Gar nicht so einfach von dem feingliederigen Spanier auf das große Warmblut umzusteigen. Aber Limbo ist eine gelehriger Partner und macht geduldig die Mobilisation und die Seitengänge an der Bande entlang mit. Einzig Schulschritt fällt ihm schwer, das langsame Schreiten kennt er nicht, da muss er noch lernen, sich zu zügeln. Es berührt mich sehr, wie viel Mühe er sich gibt, zu verstehen, was ich von ihm möchte, mit wie viel Aufmerksamkeit er bei mir ist und ich bei ihm, auch wenn wir beide erst ganz am Anfang stehen.

Doch wenn wir, wie zuletzt bei Vollmond, zusammen die Traversale reiten, dann flüstert mir der Wind leise zu, "Du bist die Erde, dein Pferd ist der Himmel", ich spüre ein wenig den Geist der Escola, die Einheit von Pferd und Reiter und die Tränen in meinen Augen kommen nicht nur vom Wind.

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